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zenith-Interview mit Abdul Rahman Alawi

zenith - Zeitschrift für den Orient: "Frauen lassen sich nicht zensieren" zenith: Herr Alawi, Sie haben vor knapp zwei Jahren den Alawi-Verlag gegründet, der ausschließlich Literatur von arabischen Schriftstellerinnen ins Deutsche übersetzen lässt. Natürlich stellt sich da gleich die Frage: Warum diese Konzentration – oder sollte man vielleicht sagen Einschränkung – auf Frauen?

zenith: Herr Alawi, Sie haben vor knapp zwei Jahren den Alawi-Verlag gegründet, der ausschließlich Literatur von arabischen Schriftstellerinnen ins Deutsche übersetzen lässt. Natürlich stellt sich da gleich die Frage: Warum diese Konzentration – oder sollte man vielleicht sagen Einschränkung – auf Frauen?

Abdul-Rahman Alawi: Ich würde nicht sagen »einschränken«, sondern »konzentrieren«. Dafür gab es natürlich viele Gründe. Wir hatten den Eindruck, dass in den letzten Jahrzehnten, sagen wir in den neunziger Jahren und Anfang dieses Jahrhunderts, zunehmend viele Frauen schreiben und sich mit gesellschaftlichen Fragen beschäftigen, die die gesamte Gesellschaft umfassen. Sie sind nicht so politisch und sie schreiben nicht religiös, sondern sie schreiben einfach Literatur, gängige Literatur, wie es sie im Westen gibt. Gleichzeitig ist es eine Spezialisierung. Wir wollten uns spezialisieren, weil wir hier einen großen Buchmarkt haben, auf dem das arabische Buch nicht vorhanden ist. Wir wollten uns auf Frauenliteratur spezialisieren, auch aus Solidarität mit der arabischen Frau, der schreibenden Frau.

zenith: War nicht auch der Marketing-Aspekt dabei von Bedeutung, weil sich Frauenliteratur aus der arabischen oder islamischen Welt besser in Deutschland verkauft?

Alawi: Es ist nicht die Frage von besser verkaufen. Natürlich war ein Marketinggedanke dabei, wir wollten auch eine Nische besetzen. Aber wir meinen auch, dass die Literatur, die von arabischen Frauen geschrieben ist, umfassender ist und die Situation in der arabischen Welt authentischer beschreibt.  

Frauenliteratur oder Literatur von Frauen?

zenith: Was heißt umfassender? Wie unterscheidet sich die Literatur von Frauen von der Literatur, die arabische Männer schreiben?

Alawi: Wir haben in den letzten Jahrzehnten einen Islamisierungsprozess erlebt, der den Frauen Nachteile brachte, die in den fünfziger, sechziger Jahren eine Art Aufschwung erlebt hatten. Und die Männer haben sich dieser Entwicklung eigentlich eher angepasst. Die Frauen haben begonnen, sich dagegen zu wehren, für eigene Rechte, für die eigene Identität, für die Gleichberechtigung zu kämpfen. Trotz dieser Atmosphäre im gesamten arabischen Raum versuchen sie, Themen anzusprechen, die die Männer nicht so klar und eindeutig angesprochen haben.

zenith: Woran liegt das? Was sind das für Themen?

Alawi: Es sind normale Themen, die überall gängig sind. Sie schreiben über ihre Stellung in der Gesellschaft, sie streben nach Gleichberechtigung. Da ist eine Suche nach sich selbst, ja, nach Identität in der Gesellschaft. Und natürlich spielt Liebe hier eine Rolle.

zenith: Schreiben Frauen denn anders als Männer? Gibt es eine arabische »Frauenliteratur«?

Alawi: Man könnte das sagen. Es gibt natürlich eine Frauenliteratur als solche in der arabischen Welt, das heißt eine Literatur, die von Frauen geschrieben wird und die sich in erster Linie Frauenthemen widmet, aber in gesellschaftlicher Form. Es geht aber nicht um feministische Literatur bei den Titeln, die wir auswählen.

Nur wenige Autorinnen finden einen Verlag

zenith: Glauben Sie, dass Frauen in der arabischen Welt es schwerer haben, Bücher zu veröffentlichen, weil Verleger schreibende Frauen nicht ganz ernst nehmen?

Alawi: Stimmt, ganz genau. Viele Schriftstellerinnen finanzieren ihre eigenen Bücher, sie verlegen sie selber und sie vermarkten sie selber. Es finden sich wenige Verlage, die Frauen nehmen, und sie werden belächelt. Der erste Roman einer arabischen Frau erschien Ende der fünfziger Jahre, etwa vierzig Jahre nach dem ersten Roman eines arabischen Mannes. Jetzt hingegen können wir in der arabischen Welt das Phänomen beobachten, dass unzählige junge Frauen zu schreiben begonnen haben. Die Frau war die erste, die durch den Islamisierungsprozess an Privilegien oder an Rechten verloren hat. Und ich denke, dass die Frau auch als erste darauf reagiert hat und versucht, sich durch Literatur, durch Lyrik oder Prosa, auszudrücken und gegen diese Zustände aufzulehnen.

zenith: Haben denn die Islamisierung in der arabischen Welt und die zunehmende Religiosität der Bevölkerung nicht auch dazu geführt, dass Schriftsteller noch schneller die Schere im Kopf haben – und das in Ländern, in denen sie ohnehin einer politischen Zensur ausgesetzt sind?

Alawi: Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns für Frauenliteratur entschieden haben. Frauen lassen sich nicht zensieren. Wir hatten den Eindruck, dass Männer, wenn sie schreiben, sich selbst zensieren. Die Frauen sind mutiger, und gerade dieser Druck, diese Religiosität führt dazu, dass die Frauen mutig gesellschaftliche Themen ansprechen, auch in Bezug auf Religiosität. Das sieht man in den Romanen, die wir veröffentlichen. Wenn wir bedenken, dass mehr als ein Drittel der im arabischen Raum im Moment erscheinenden Bücher religiöse Bücher sind, die sich auch noch am meisten verkaufen, dann sieht man, dass die Literatur es sehr schwer hat – und speziell die Literatur von Frauen, weil sie sich noch offener, noch mutiger, noch authentischer artikulieren.

Die drei Tabus: Religion, Politik, Sexualität

zenith: Man spricht immer von den drei großen Tabus in den arabischen Ländern: Religion, Politik, Sexualität, die man nicht brechen darf. Meinen Sie damit, dass die Frauen diese Tabus eher antasten als die Männer?

Alawi: Ja, ganz eindeutig. Ich nehme das Beispiel »Ebenholz«. Das war der Erstling von Rosa Yassin Hassan und hat den syrischen Literaturpreis bekommen. Aber als das Buch erschien, war es zensiert; gerade an Stellen, wo es um Sexualität ging, war zensiert worden. Sie hat sich dagegen beschwert. Wir haben aber jetzt den Originaltext übersetzt.

zenith: Wie schätzen Sie den Einfluss des 2007 ins Leben gerufenen arabischen »Booker-Preises« auf die arabische Literaturszene ein. Fördert dieser Preis die arabische Literatur tatsächlich? Und sollte es nicht vielleicht doch eine Frauenquote geben, damit die Frauen auch bei diesem arabischen »Booker-Preis« mehr zum Zuge kommen?

Alawi: Dieser »Booker-Preis« ist natürlich zu begrüßen, weil er dazu beiträgt, dass in der arabischen Welt mehr gelesen wird, mehr Bücher erscheinen. Dass die Frauen nicht vertreten sind, reflektiert ja generell die Situation in der arabischen Welt. Ich habe kürzlich in Kairo auch die Preisverleihung für die Kurzgeschichte miterlebt. Die Jury, das Personal, alle waren Männer, keine einzige Frau war dabei. Das war deprimierend. Ich bin trotzdem nicht für solche Quoten, denn die Realität muss reflektiert werden. Trotzdem muss ich im Moment sagen, dass mehr Frauen als Männer im literarischen Bereich in der arabischen Welt repräsentiert sein müssten.

zenith: Sie waren lange Zeit Vertreter der PLO in Deutschland und haben, nachdem Sie in Rente gegangen sind, beschlossen, diesen Verlag zu gründen. Warum?

Alawi: Weil ich mich zu jung fühlte, um in Rente zu gehen, und weil es immer eine Idee oder ein Anliegen von mir war, kulturell tätig zu sein. Ich lebe seit über vierzig Jahren hier in Deutschland und ich wollte etwas von dieser arabischen Welt, wo ich herkomme, hier näher bringen. Über politische Wege war es nicht möglich, und ich glaube, über politische Wege wird es nie möglich sein. Deshalb dachte ich, dass man im Bereich Literatur oder Kunst etwas tun kann. Ich wollte eine Brücke bauen durch den literarischen Betrieb, durch Literatur, Kunst. Europa liegt geographisch ganz dicht bei der arabischen Welt, und über die Sprache, über die Kunst, über die Kultur können sie zusammenrücken.

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