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Gazelle - das multikulturelle Frauenmagazin über "Lulu"

Khaled und die Verrückten – eine syrische Liebesgeschichte Von Tasnim El-Naggart Lulu – so heißt ein bezauberndes Buch der arabischen Autorin Abeer Esber. Es handelt von einem jungen Mann im Alter von 18 Jahren namens Khaled. Er wohnt in einem syrischen Dorf, klein und beschaulich, voller Langeweile, voller Träume und Wünsche. Und plötzlich wird all das durchbrochen. Plötzlich taucht ein Filmteam auf und wirbelt Khaleds Welt völlig durcheinander...

zenith - Zeitschrift für den Orient: "Frauen lassen sich nicht zensieren"

 

„Lulu“ ist Khaleds Spitzname. Die Schauspielerin Riem nennt ihn so, Khaled verliebt sich unsterblich in sie. Durch sie entdeckt sich der junge Mann neu, versucht jemand zu sein, der er noch nie war. Sie fordert ihn heraus, sich intellektuell weiterzubilden, philosophische Fragen an sich und das Leben zu stellen.

„Die Verrückten“ nennen die Dorfbewohner die Mitglieder des Filmteams, und auch für Khaled stellt es eine Herausforderung dar, sich Schritt für Schritt ihrer Welt anzunähern. Er beobachtet stets den Regisseur Kamal, seine Launen und Wünsche, seinen Umgang mit den Schauspielern und vor allem mit Riem. Er beobachtet das Team, verfolgt seine Streitigkeiten, sieht, wie sie beim Dreh dennoch gemeinsam ihr Bestes geben. Die fremde Welt rückt immer näher – bis er sich Kamal anvertraut und der einst unerreichbaren Riem immer näher kommt. Er schreibt ihr Briefe, gesteht ihr seine Liebe, führt sie zu möglichen Drehorten im Dorf, erkennt ihre Schwächen – wechselnde Launen, Ungeduld, Wut – und hört doch nicht auf sie zu lieben. Doch mit dieser Liebe ändert sich Khaleds Leben und auch sein Wesen grundlegend…
Esber, die für dieses arabische Buch den syrischen Literaturpreis erhielt, steigt für den deutschsprachigen Leser höchst ungewöhnlich in die Geschichte ein. Unwillkürlich wird der Eindruck erweckt, eine oberflächliche, achtlos dahin geschriebene 08/15-Erzählung vor sich zu haben.

Erst später stellt sich heraus, dass dieser Eindruck täuscht: hinter dem oberflächlichen Geplänkel steckt in Wahrheit eine äußerst ehrliche, reflexive und tiefe Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein und der syrischen Gesellschaft insgesamt. Einfühlsam versetzt sich die Autorin in die Lage des jungen Mannes Khaled, verleiht ihm eine Stimme, gibt ihm von innen heraus Charakter, bis man ihn schließlich sympathisch findet und sich vielleicht selbst in seiner nur allzu menschlichen Rolle wiederfindet. Man leidet mit ihm, man liebt mit ihm, man staunt mit ihm, man fühlt sich auch mit ihm klein und hilflos.

Die Autorin hat eine erstaunliche Fähigkeit, die Gefühle Khaleds so zu beschreiben, wie es bei deutscher Literatur sonst kaum der Fall ist: intensiv! Sie nutzt Gleichnisse und Symbole, um deutlich zu machen, was Khaled tief in seinem Inneren bewegt. Gleichzeitig wirkt die Geschichte manchmal wie in einem Kinderbuch. Naive und kindliche Gefühlsausbrüche, einfache Beschreibungen der Landschaft und Umgebung, schlichte Dialoge oder entzückte Träumereien von der großen Liebe verstärken den Eindruck. Insgesamt ist das Buch erst einmal gewöhnungsbedürftig, weist jedoch nach einiger Zeit eine – ungewöhnliche – Tiefe auf. Stilistisch und sprachlich ist das Lesen an vielen Stellen ein Genuss!

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